
Diese kleine Geschichte spielt wieder einmal in Cham. Ich wohnte mit meinen Kameraden in einem Ferienhaus fünf bis sechs Kilometer vom Spiellokal entfernt.
Eines Abends beschrieb mir ein Schachfreund die Wichtigkeit der körperlichen Vorbereitung auf den Schachkampf und wie hervorragend ein ausgedehnter Spaziergang von mindestens einer halben Stunde vor der Partie dazu geeignet wäre. Weltmeister Botwinnik habe darauf schon in den fünfziger Jahren in seinen Büchern hingewiesen. Leicht (?) alkoholisiert versprach ich also, am nächsten Tag mit ihm zum Spiellokal zu spazieren.
Punkt acht Uhr am nächsten Morgen waren wir also zu Fuß Richtung Gemeindehalle unterwegs. Etwa auf halbem Wege stellte sich uns ein kleiner See in den Weg. Da wir erst nach der dritten Runde um den See die richtige Abzweigung fanden, kamen wir ca. 20 Minuten zu spät am Spiellokal an.
Total verschwitzt und erschöpft war von geistiger Frische am Brett nichts zu spüren. Mein Schachfreund verlor sehr schnell seine Partie und meine Eigene endete nach mühsamer Verteidigung remis. Seither halte ich mich eher an Churchill: "No Sports"!
Im selben Jahr in Cham saßen die Schachspieler abends in der Ferienwohnung zusammen und analysierten die Partien dieses Tages.
Die Partie von Schachfreund X wurde (er hatte Schwarz) mit 1.e4 c5 2.f4 eröffnet. Er fragte seine Mitbewohner nach einer guten Erwiderung. Irgend jemand schlug 2...e5 vor. Nachdem X bemerkt hatte, dass der Bauer e5 wegen Dh4+ nicht geschlagen werden konnte entfuhr es ihm: "Das ist die Widerlegung!!"
Ein erfahrener Schachspieler stellte die Figuren wieder in die Grundstellung und führte die Züge 1.e4 e5 2.f4 aus und fragte ihn: "Würdest du jetzt etwa 2...c5 ziehen? "Auf keinen Fall!" war dessen Antwort! X wollte einfach nicht einsehen, dass dieselbe Stellung auf dem Brett stand wie bei der anderen Zugfolge. So ging das Spiel eine ganze Weile. Mindestens fünfmal wurden die Züge in beiden Zugreihenfolgen ausgeführt und X war immer noch uneinsichtig.
Inzwischen lachten alle umherstehenden, bis ihnen der Bauch schmerzte. Sogar X mußte schließlich mitlachen.